Digitalisierung nutzen – zum Wohl aller Patienten

Ein Interview mit Dr. Gottlobe Fabisch, Geschäftsführerin des VDBD und der VDBD Akademie

Frau Dr. Fabisch, welche Aufgaben und Ziele hat der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland?

Der VDBD vertritt die Interessen der Diabetes-Beratungs- und Schulungsprofis und engagiert sich berufspolitisch. Zudem bieten wir unseren Mitgliedern Informationen, ein Netzwerk und Vorteile wie eine Berufshaftpflicht. Wir sind zuständig für Fortbildungen und Zertifizierungen von Fortbildungsveranstaltungen – dieses Aufgabenfeld hat 2016 die VDBD AKADEMIE übernommen. Wir engagieren uns außerdem für bessere Rahmenbedingungen für unsere Mitglieder: So setzen wir uns für die bundesweite Anerkennung der Diabetesberatung als eigenständigen Beruf ein und fordern eine adäquate Vergütung.

Welche Rolle haben Diabetesberaterinnen und -assistentinnen in den diabetologischen Versorgungsstrukturen?

Als spezialisierte Gesundheitsfachkräfte stellen Diabetesberaterinnen und -assistentinnen eine wichtige Säule in der Diabetesversorgung dar. Beraterinnen können aufgrund ihrer zwölf- bis vierzehnmonatigen Weiterbildung alle Diabetespatienten betreuen, während Assistentinnen eine kürzere Ausbildung durchlaufen und nur Typ-2-Patienten begleiten. Beide Berufsgruppen arbeiten in Schwerpunktpraxen oder Kliniken. Sie schulen Patientinnen und Patienten und betreuen sie im Anschluss in der Umsetzung der Therapie. Die Schulung ist in den Disease Management Programmen (DMP) strukturell verankert. Die Therapiehoheit liegt beim Arzt, aber die Umsetzung und Begleitung – oft eine lebenslange Aufgabe – liegt bei den Beraterinnen und Assistentinnen. Sie versuchen, konstruktive alltagstaugliche Lösungen für verschiedenste Probleme zu finden – denn jeder Patient ist anders, muss in seiner spezifischen medizinischen, sozialen und kulturellen Situation abgeholt werden. Letztendlich geht es darum, den Patienten in die Lage zu versetzen, optimales Selbstmanagement umsetzen zu können, denn das ist ein wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Therapie.

Welche Rolle spielt der Lebensstil bei Menschen mit Typ-2-Diabetes?

Eine große Rolle: Durch eine Verhaltensänderung können Patientinnen und Patienten sehr viel erreichen. Wir wissen jedoch alle, wie schwierig es ist, gute Vorsätze in die Tat umzusetzen. Eine nachhaltige Verhaltensänderung gehört zu den schwersten Aufgaben überhaupt. Hier setzt TeLIPro an: Das Programm unterstützt Patientinnen und Patienten über zwölf Monate hinweg dabei, ihren Lebensstil zu ändern und an ihrem Selbstmanagement zu arbeiten. Da die Krankheitsentwicklung bei Typ-2-Diabetes durch eine Umstellung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens beeinflussbar ist, halte ich TeLIPro für ein sehr interessantes Programm.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die Begleitung von Diabetes-Typ-2-Patienten in Form von Beratung und Motivation? Was kann eine solche Unterstützung durch geschultes Fachpersonal bewirken?

Die Idee, die dahintersteckt, ist folgende: Ein Patientin oder ein Patient möchte Verhaltensmuster ändern, hat es aber bisher nicht alleine geschafft. Eine Diabetesberaterin oder Diabetesassistentin, die durch eine Fortbildung im Bereich Gesprächsführung geschult ist, bietet dem Patienten Lösungen an. Wichtig hierbei ist die Definition von Zielen: Was will, was kann ich erreichen? Die Ziele müssen realistisch und messbar sein. Wenn man bei der Umsetzung auf Probleme stößt, sollte man diese gemeinsam besprechen – und zwar niemals an der Patientin oder am Patienten vorbei. Der Patient muss Ziele und die Wege dorthin miterarbeiten, damit er sie im Alltag auch umsetzen kann.

Im Rahmen des Innovationsfonds-Projekts der AOK Rheinland/Hamburg hat die VDBD AKADEMIE zusammen mit dem Deutschen Institut für Telemedizin und Gesundheitsförderung (DITG) eine Fortbildung entwickelt, durch die sich Diabetesberaterinnen und -assistentinnen für das telemedizinische Diabetes-Coaching mit TeLIPro qualifizieren können. Wieso engagiert sich der Verband für ein Projekt wie TeLIPro?

Wir haben ein sogenanntes blended learning entwickelt, also eine Kombination aus e-learning und Präsenzveranstaltungen. Der e-learning-Teil endet mit einer Onlineprüfung. Daran schließt sich ein Workshop an, in dem die Theorie in die Praxis umgesetzt wird: Wie funktioniert die TeLiPro-Plattform? Wie beginne ich das erste Gespräch? Wie gehe ich mit schwierigen Situationen um? Die Lerninhalte werden unter anderem durch Rollenspiele vermittelt. Als Verband stehen wir der Digitalisierung positiv gegenüber und wollen die Chancen, die sie bietet, konstruktiv nutzen – zum Wohle aller Patienten. Wir sehen ein großes Potenzial darin, durch e-Health einige Probleme wie die Versorgung in strukturschwachen Gebieten zu lösen. Aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Andererseits sieht der VDBD in der Telemedizin ein potenziell neues und interessantes Handlungsfeld für Diabetesberaterinnen.

Wie beurteilen Sie die Chancen und Potenziale einer solchen telemedizinischen Begleitung für Menschen mit Typ-2-Diabetes?

Für sehr wichtig halte ich, dass das Projekt wissenschaftlich evaluiert wird. Eine abschließende Beurteilung ist erst nach Vorlage des Studienergebnisses möglich. Aber prinzipiell schätzen wir die Chancen als sehr hoch ein – sonst würden wir uns nicht engagieren.

Dr. Gottlobe Fabisch

ist seit Mai 2015 Geschäftsführerin des Verbandes der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland e.V. (VDBD) und hat die Geschäftsstelle des VDBD in Berlin aufgebaut. Mit Gründung der VDBD AKADEMIE GmbH 2016 übernahm sie auch deren Geschäftsführung und Aufbau.

Dr. Fabisch hat langjährige Erfahrungen in der Geschäftsführung von gemeinnützigen Organisationen und Verbänden sowie in der europäischen Kooperation. 1991 war sie Gründungsmitglied und bis 2000 stellvertretende Leiterin des EU-Büros der deutschen Wissenschaftsorganisationen (KoWi) mit Sitz in Bonn und Brüssel. Im Oktober 2000 wurde Gottlobe Fabisch zur Geschäftsführerin des europäischen Dachverbandes im Verbraucherschutz ANEC bestellt.

Dr. Fabisch studierte Politikwissenschaften und Publizistik an der WWU Münster, Psychologie im Zweitstudium und absolvierte ein bilinguales Postgraduiertenstudium am Europa-Kolleg in Brügge, Belgien. Seit 2016 ist sie Gutachterin im EU-Forschungsrahmenprogramm.

2019-07-18T12:51:14+00:00