In kleinen Schritten zum selbstgesteckten Ziel

TeLIPro-Programmstart: Gesundheitscoach Ursula Brix (DITG) im Interview

Frau Brix, bald beginnt das Coaching im Rahmen des TeLIPro-Projekts. Wie bereiten sich die Coaches auf den Programmstart vor?

Zurzeit arbeiten sich alle Kolleginnen und Kollegen in das Programm ein – wie zum Beispiel in den Einschreibeprozess oder medizinische Unterlagen. Neue Kollegen machen eine spezielle TeLIPro-Fortbildung, zu der auch praktische Workshops mit Gesprächstrainings gehören. Neben der allgemeinen Vorbereitung geht es auch darum, sich individuell auf die einzelnen Teilnehmer einzustellen. Da wir ausschließlich mit erfahrenen Diabetes-Assistentinnen und -Beraterinnen arbeiten, verfügen alle Coaches über die entsprechende Qualifikation und das nötige Fachwissen.

Was erwartet mich als Programmteilnehmer, wenn Sie sich das erste Mal bei mir melden?

Wenn der Teilnehmer ins Programm eingeschrieben ist, die Zugangsdaten zum Online-Portal erhalten und alle wesentlichen Informationen ausgefüllt hat – zum Beispiel die Anamnese oder Arztdaten der letzten Untersuchung –, wird ein Termin für das erste Coaching-Gespräch vereinbart. Wenn ich anschließend das erste Mal mit dem Teilnehmer telefoniere, geht es zunächst darum, dass wir uns kennenlernen. Daher dauern die ersten Gespräche mit 30 bis 40 Minuten in der Regel etwas länger – später sind es 20 Minuten, manchmal auch nur 10. Nicht nur der Teilnehmer soll sich vorstellen: Er erfährt auch von meiner fachlichen Qualifizierung, dass ich zwei Katzen habe und mein Sohn gerade in der Pubertät steckt. Durch den Austausch dieser persönlichen Aspekte entsteht schnell ein Vertrauensverhältnis, das den Teilnehmern Offenheit ermöglicht. Anschließend gehen wir auf die medizinischen Fakten ein: auf Auffälligkeiten in den Patientendaten, die ärztliche Behandlung, gesundheitliche Probleme und Medikamente. Je mehr ich erfahre, desto besser kann ich helfen.

Wie definieren Sie gemeinsam Ziele mit dem Programm-Teilnehmer?

Ich bitte den Teilnehmer im ersten Telefonat, zu überlegen, was er bis zum Programmende erreichen möchte. Im zweiten Gespräch konkretisieren wir diese Ideen gemeinsam. Oft hört man schnell heraus, wieso er sich im Programm angemeldet hat: Wollte er etwas verändern oder wurde er vom Arzt oder der Ehefrau dazu überredet? So kann ich schnell einschätzen, wie stark ich den Teilnehmer unterstützen muss, an seiner Motivation zu arbeiten. Wir sprechen dann über Themen wie Gewichtsverlauf, Essverhalten, Bewegung, Bauchumfang und Blutzuckerwerte. Je nach Wissensstand des Teilnehmers erkläre ich medizinische Zusammenhänge. Anschließend unterstütze ich den Teilnehmer dabei zu überlegen: Wo stehe ich jetzt – und wo will ich hin? Wenn wir ein Ziel definiert haben, ist es wichtig, dass der Teilnehmer es laut ausspricht oder aufschreibt, denn nur so kann er es verinnerlichen. Das Ziel muss so konkret wie möglich sein: nicht „Ich könnte mir vorstellen, 6 Kilo abzunehmen“, sondern: „Ich möchte bis zum Urlaub mein Wunschgewicht von 80 Kilo erreichen, das entspricht einem Gewichtsverlust von 6 Kilo.“ Ist das Ziel zu hochgesteckt, versuche ich, Alternativen aufzuzeigen. Damit der Teilnehmer Erfolgserlebnisse hat und motiviert bleibt, definieren wir zusätzlich kleinere Etappenziele. Den Berggipfel erklimmen wir nach und nach über kleine Hügel.

Wie können Menschen mit Diabetes von der TeLIPro-Programmteilnahme profitieren?

Die Teilnehmer haben den Riesenvorteil, dass sie über ein Jahr konsequent bei der Lebensstilveränderung betreut werden. Diese Intensität lässt sich in der Arztpraxis in der Regel nicht aufbauen. Telefoncoaching eignet sich besonders gut, um den Weg des Patienten individuell herauszuarbeiten. Denn so vertraut Coach und Teilnehmer sich werden – durch die telefonische Gesprächsform bleibt auch eine gewisse Distanz, die es uns ermöglicht, vorurteilsfrei und unbefangen auf den Teilnehmer zuzugehen. Dadurch entsteht eine intensive Gesprächsebene, in der Teilnehmer sehr offen und ehrlich über Probleme, Bedürfnisse und Wünsche sprechen. Wir haben die Zeit und die Möglichkeit zu fragen: Passt eine bestimmte Empfehlung in das Leben dieses Teilnehmers? So erfährt man zum Beispiel, dass sich jemand im Fitnessstudio angemeldet hat, weil der Arzt es empfohlen hat. Er geht jedoch nie dorthin, weil er keine Zeit hat oder sich dort nicht wohlfühlt. In solchen Fällen erarbeiten wir gemeinsam eine Lösung. Eine Teilnehmerin, die ich betreue, hatte durch ihre starke berufliche Einbindung bisher keinerlei Zeit für Sport. Jetzt steigt sie jeden Morgen für 5 bis 10 Minuten auf ihren Crosstrainer. Für jemanden, der sich bisher gar nicht bewegt hat, ist das schon ein Riesenerfolg.

Ursula Brix

Staatlich examinierte Krankenschwester mit Fachweiterbildung zur Diabetesberaterin DDG
Leiterin des Teams der Gesundheitscoaches beim Deutschen Institut für Telemedizin und Gesundheitsförderung (DITG) in Düsseldorf.

Weitere Informationen: www.ditg.de

2018-06-22T12:35:23+00:00