Drei Fragen an Prof. Dr. med. Stephan Martin

Herr Prof. Martin, wie kann sich eine Lebensstilveränderung bei Menschen mit Typ-2-Diabetes auswirken?

Bei übergewichtigen Typ-2-Diabetikern wirkt die körpereigene Insulin-Produktion nicht mehr ausreichend. Wenn ich aber meinen Lebensstil ändere, mich mehr bewege, dann wirkt mein körpereigenes Insulin wieder – und ich kann Medikamente reduzieren, im Extremfall sogar meine Insulintherapie absetzen. Daher muss man ganz klar sagen: Bei Typ-2-Diabetes ist eine Lebensstiländerung nicht nur hilfreich, sie ist entscheidend. Aus diesem Grund geben alle wissenschaftlichen Leitlinien vor: Bevor der Patient Tabletten einnimmt, soll er seine Lebensweise ändern. In der Praxis fällt es Menschen jedoch häufig schwer, ihre Gewohnheiten zu ändern. Hier setzt TeLIPro an.

Wie genau kann das TeLIPro-Programm Menschen dabei helfen, ihren Lebensstil zu ändern?

Zwei Punkte sind hier entscheidend. Zum einen haben wir Ärzte bei Diabetes-Patienten in der Vergangenheit zu stark auf die Kalorienmenge geachtet und empfohlen, viele Kohlenhydrate und wenig Fette zu sich zu nehmen sowie viele kleine Mahlzeiten am Tag zu essen. Heute gehen wir einen ganz anderen Weg. Aktuelle Studien zeigen: Die Patienten sollen sich kohlenhydratarm, also Low Carb ernähren und wenige Mahlzeiten einnehmen, denn das senkt den Blutzuckerspiegel. Diese Empfehlung wird den Patienten bei TeLIPro vermittelt. Durch den schnellen Gewichtsverlust und die Verbesserung der Blutzuckerwerte haben die Teilnehmer schon zu Beginn ein Erfolgserlebnis, das sie motiviert.

Der zweite Punkt ist: Das TeLIPro-Programm unterstützt den Patienten auf einer ganz individuellen Ebene. Wir helfen ihm dabei, Experte für seine eigene Gesundheit zu werden. Er soll verstehen, was in seinem Körper passiert, wenn er eine Tafel Schokolade isst. Eine entscheidende Rolle spielen dabei die Blutzuckermessungen. Anhand der gemessenen Werte bespricht der Coach mit dem Patienten, wie sich seine Ernährung auf seinen Blutzucker auswirkt. Oft überrascht der Zusammenhang den Patienten und sorgt für einen Aha-Effekt.

Wie sollte die Diabetes-Behandlung der Zukunft aussehen?

Für einen Typ-2-Diabetes gibt es genetische Grundvoraussetzungen, aber ohne Übergewicht und mangelnde Bewegung entsteht diese Erkrankung nicht. Wir müssen uns noch stärker auf die Ursachen konzentrieren. Das haben wir in den letzten Jahren versäumt: Wir haben den Blutzucker therapiert, der aber nur eine Konsequenz der falschen Lebensgewohnheiten ist. Eine Erkrankung, die durch den Lebensstil entsteht, mit Insulin oder Tabletten zu behandeln, ist der falsche Ansatz. Wir müssen die Lebensstiländerung viel konsequenter umsetzen, sie muss immer Basis der Therapie sein. Für den Patienten hat das nur Vorteile, denn wenn wir dem Diabetes mit einer Gewichtsabnahme entgegentreten, behandeln wir auch Blutfette und Blutdruck mit, wir entlasten die Gelenke – und so steigt auch die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten.

© Bild: VKKD

Prof. Dr. med. Stephan Martin

Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ)

Weitere Informationen: www.vkkd-kliniken.de

2018-06-22T12:34:27+00:00